Wie das Projekt Cargosousterrain nun – neu konzipiert und mit geringeren Kosten, aber mehr Durchsatz – doch noch umgesetzt werden soll
Von Kurt Metz
Die Idee einer unterirdischen Güterbahn wurde schon oft als Lösung für den überlasteten Güterverkehr angepriesen, aber noch nie in nennenswertem Umfang umgesetzt. Auch Cargosousterrain (CST), wie das Schweizer Projekt einer rund 500 Kilometer langen unterirdischen Güterbahn zwischen Genf und St. Gallen auf Französisch heißt, war erheblich ins Stocken geraten. Nun könnte das ursprünglich 34 Milliarden Euro teure Projekt womöglich doch noch umgesetzt werden – wenn auch in neuer Gestalt.
Ein Grund sind die veränderten Rahmenbedingungen, etwa das „Nein“ in der Volksabstimmung im November2024 zum „Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen“: 52,7Prozent der Abstimmenden lehnten die Erweiterung von sechs Autobahn‑Teilstücken ab. Damit entfällt der geplante Ausbau an neuralgischen Stellen – und das trotz eines Rekordwerts von 48.807 Staustunden auf dem Nationalstrassennetz im Jahr2023 (+22,4Prozent gegenüber 2022; +50Prozent gegenüber 2021).
Hinzu kommt eine hitzige politische Diskussion darüber, ob auf übergeordneten Kantonsstraßen innerhalb von Ortschaften und dicht besiedelten Agglomerationen in der Deutschschweiz Tempo30 eingeführt werden soll. Zudem weichen in Städten und Agglomerationen Park‑ und Umschlagflächen zunehmend Busspuren, Radwege und Grünzonen. Zugleich könnte die Schweiz bereits 2041 die 10-Millionen‑Einwohner-Grenze überschreiten, und auch vom Fachkräftemangel in der Logistik ist das Land betroffen.

Kritik und Hürden
Noch vor einem Jahr überwog in der Lokalpolitik Misstrauen gegenüber dem ambitionierten Vorhaben: „Not in my backyard“ hieß es seitens möglicherweise betroffener Grundeigentümer, während die Behörden das zügige Genehmigungsverfahren kritisierten – die eingereichten Unterlagen hätten nicht überzeugt. Doch der Umgang mit dem Projekt verändert sich unter dem neuen CEO von Cargo sous terrain. Christian Späth betont: „Der Dialog mit Gemeinden und Kantonen braucht mehr Zeit. Die wollen wir uns nun nehmen, denn die Rückmeldungen sind uns wichtig“, betont der Tiefbauingenieur. „Es geht darum, beim Plangenehmigungsprozess weniger Einsprüche zu erhalten.“
Um den Kritikern weiteren Wind aus den Segeln zu nehmen, führte er mit seinem 30-köpfigen Team eine umfassende Überprüfung durch. „Es galt, die Machbarkeit sicherzustellen. Dabei wollten wir am Grundsatz ‚End-to-End‘, der hohen Flexibilität des Systems und dem Ziel der Verkehrsreduktion nichts ändern“, so Späth. Zusammen mit der TU Karlsruhe konnten dank Simulationen bereits deutliche Fortschritte erzielt werden: geringere Baukosten, mehr Transportdurchsatz, reduzierter Energiebedarf und effizienterer Betrieb.
Inspiriert vom Skifahren
Der Durchbruch soll mit Hilfe eines grundlegend neuen Konzepts gelingen. Waren bislang durch Induktion geladene, elektrisch angetriebene Beförderungsfahrzeuge vorgesehen, orientiert sich CST nun am Prinzip der Seilbahn mit kuppelbaren, auf Schienen fahrenden Transportfahrzeugen für jeweils drei Container in Palettengrösse. Diese fahren mit bis zu 10 Metern pro Sekunde, also 36 Kilometern pro Stunde jeweils im Abstand von 60 Metern, so dass ein kontinuierlicher Transportfluss entsteht.
Die Seilantriebe befinden sich in den Hubs. „Wir haben mit dem Schweizer Seilbahnspezialisten Garaventa in Goldau abgeklärt, ob dies technisch machbar ist. Er gab uns grünes Licht“, freut sich Späth. Zu den Vorteilen gehört ein kleinerer Tunneldurchmesser mit reduzierten Baukosten, der Wegfall der Wärme abstrahlenden Elektrofahrzeuge, die eine Kühlung des Tunnels erfordert hätten und die Möglichkeit, nun größere Steigungen zu überwinden.
Für Späth sind die Hubs wie eine Flughafen-Gepäckabfertigung – nur mit Paletten: „Die Koffer der Passagiere kommen bekanntlich zu unterschiedlichen Zeiten an. Zudem fliegen sie zu verschiedenen Zeiten zu anderen Zielen“, so der CST-CEO. „Analog planen wir in den Hubs einen Wartebereich und verladen die Sendungen dann, wenn ihr Zeitfenster für die Abfahrt kommt. Dieses bestimmt der Kunde. Mit dieser Konsolidierung erhöhen wir die Flexibilität des Systems und optimieren die Auslieferung.“
In einem Use Case für einen potenziellen Kunden habe sich gezeigt: Durch den unterirdischen Transport lassen sich über 95Prozent der Straßenkilometer und rund 65Prozent des innerstädtischen Transportwegs einsparen. Für die anschließende Feinverteilung kommen CO2‑ und lärmarme Verkehrsmittel wie Lastenfahrräder, elektrische Lieferwagen und leise E‑Lkw zum Einsatz.
Zwei Finanzierungsetappen
Für Späth war die Diskussion um die Kosten bisher zu wenig differenziert: „Wir stehen in der Entwicklungsphase. Diese wird vollumfänglich vom Aktionariat getragen, das 140 Millionen Schweizer Franken gezeichnet hat.“ Dieses sei seit dem Austritt von SBB Cargo 2022 stabil geblieben. „Dann gibt es für die Ausführung des Projekts ein Budget. Dieses wird durch das Eigen- und Fremdkapital bereitgestellt; Hier können sich auch Bankensysndikate bilden“, so der CEO weiter. „Damit dieser Prozess reibungslos vor sich geht, müssen wir betriebswirtschaftlich nachweisen, dass sich Cargo sous terrain rechnet. Wir sind dabei, mit Key Accounts und Großkunden abzuklären, was ihnen unsere Leistungen wert sind. Denn unsere Preise müssen mit denjenigen der Strasse konkurrenzfähig sein. Wir konnten die Investitionskosten um fast ein Drittel senken. Dazu gesellt sich die Zuverlässigkeit des Systems – wir kennen keinen Stau und auch keinen Stauzuschlag!“
„Ein Baubeginn 2025 bleibt ambitioniert“, räumt der CEO ein. „Cargo sous terrain ist privatwirtschaftlich aufgestellt und das zwingt zu einem effizienten Umgang mit den finanziellen Mitteln und auch mit dem Zeitbudget.“ Für die Betriebsaufnahme der ersten Etappe peilt er Mitte des nächstens Jahrzehnts an. Späth sieht das Projekt auch deshalb auf gutem Kurs, weil das Bundesamt für Verkehr den Bewilligungsprozess konstruktiv begleitet. Maßgeblich ist auch der Sachplan ‚Verkehr – unterirdischer Gütertransport‘, den der Bundesrat im Juni verabschiedet hat und der für CST die raumplanerische Grundlage bildet.
Kurt Metz ist freier Journalist mit Sitz in Hellbühl (SUI)
