Latein­ame­ri­ka wird neu ent­deckt

Was den roh­stoff­rei­chen Kon­ti­nent und sei­ne Han­dels­hubs gera­de jetzt — in Zei­ten geo­po­li­ti­scher Umwäl­zun­gen — zu einem Hot­spot logis­ti­scher Chan­cen macht

Von Kers­tin Kloss

Cars­ten Schry­ver will das Momen­tum nut­zen, „dass viel­leicht mal ande­re Trades in den Fokus rücken“, wäh­rend die USA Han­dels­krieg füh­ren. Der Mana­ging Part­ner von Schry­ver Logi­stics sieht gute Geschäfts­chan­cen. Sein Groß­va­ter bot schon 1938 Spe­di­ti­ons­diens­te in Mexi­ko an, heu­te hat das Ham­bur­ger Fami­li­en­un­ter­neh­men in acht Län­dern Latein­ame­ri­kas eige­ne Stand­or­te. Dort arbei­ten über zwei Drit­tel der Beleg­schaft.
Wäh­rend vie­le Logis­ti­ker Intra-Asi­en als Zukunfts­markt sehen, wächst Schry­ver „immer mehr mit inner­la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Ver­keh­ren“. Als Bei­spie­le nennt er Zucker aus Boli­vi­en für Ener­gy­drinks in Vene­zue­la und Äpfel aus Chi­le für Kolum­bi­en, wenn es dort sai­so­nal kei­ne eige­ne Ern­te gibt. Hin­zu kom­men latein­ame­ri­ka­ni­sche Indus­trie­un­ter­neh­men, die auch in ande­ren Län­dern pro­du­zie­ren oder Netz­wer­ke haben: „Das ist genau das Glei­che, was wir in Asi­en sehen.“ Schry­ver zählt Län­der wie Ecua­dor, Kolum­bi­en oder Vene­zue­la, „die viel­leicht nicht jeder auf der Land­kar­te sofort fin­det“, zu den „Potenzial“-Ländern: „Für uns ist das ein gro­ßer Export­markt, gleich­zei­tig zieht das dann auch wie­der Import.“
Orlan­do Baque­ro, Haupt­ge­schäfts­füh­rer beim Latein­ame­ri­ka Ver­ein in Ham­burg, fin­det Nischen­märk­te eben­falls span­nend, weil sie momen­tan das größ­te Wachs­tum ver­zeich­nen. Er weist auf das eng­lisch­spra­chi­ge Guya­na im Nor­den Süd­ame­ri­kas hin, wo er 2025 mit einem Wirt­schafts­plus von 30 Pro­zent rech­net. Aller­dings leben in dem Kari­bik­staat mit Erd­öl­vor­kom­men nicht mehr Men­schen als in San Fran­cis­co, deut­sche Unter­neh­men sind kaum prä­sent. Für sie dürf­te Baque­ros zwei­ter „Top-Per­for­mer“, eines der gro­ßen Län­der, inter­es­san­ter sein: In Argen­ti­ni­en erwar­tet der Exper­te in die­sem Jahr 20 Pro­zent Wachs­tum, weil unter – dem durch­aus umstrit­te­nen – Prä­si­den­ten Javier Milei die Infla­ti­on sinkt, wäh­rend Beschäf­ti­gung und Inves­ti­tio­nen stei­gen. Zudem ver­fügt das Land über kri­ti­sche Roh­stof­fe wie Lithi­um, essen­zi­ell für Elek­tro­mo­bi­li­tät und Ener­gie­spei­che­rung.

Bild: IStock

Export­boom für grü­nen Was­ser­stoff erwar­tet

Im Lithi­um­drei­eck in den Anden Argen­ti­ni­ens, Boli­vi­ens und Chi­les befin­det sich nach einem Bericht von Ger­ma­ny Trade & Invest über mehr als die Hälf­te des welt­wei­ten Vor­kom­mens. Außer­dem wird das Metall in Peru und Bra­si­li­en abge­baut, auch in Mexi­ko kommt es vor. Baque­ro geht in Latein­ame­ri­ka zudem künf­tig von einem Export­boom bei grü­nem Was­ser­stoff aus. Der Schlüs­sel­kraft­stoff für die Ener­gie­wen­de ist sei­ner Ein­schät­zung nach für „Län­der, die selbst gro­ßen Ener­gie­be­darf haben, zum Bei­spiel Bra­si­li­en, inter­es­sant“. Er kann sich vor­stel­len, dass dort die momen­tan noch feh­len­de Trans­port­in­fra­struk­tur auf­ge­baut wird.
Logis­ti­ker stellt die Regi­on jedoch vor Her­aus­for­de­run­gen. Hohe Trans­port­kos­ten im Hin­ter­land wegen gro­ßer Distan­zen, erheb­li­cher Höhen­un­ter­schie­de und wit­te­rungs­be­ding­ter Ein­flüs­se sind laut Schry­ver „ein Rie­sen­the­ma“. Unab­hän­gig davon, ob es um Expor­te von Kup­fer aus Chi­le oder Obst und Gemü­se aus Peru geht: „Das ist nur dann mög­lich, wenn ich auch die Infra­struk­tur dahin brin­ge, um die Pro­duk­te abzu­bau­en oder zu pro­du­zie­ren.“ Der Bran­chen­ken­ner regt „einen euro­päi­schen Ansatz“ an, um in der Regi­on künf­tig auch Kon­zes­sio­nen für Häfen, Stra­ßen- und Schie­nen­in­fra­struk­tur zu über­neh­men.
Per­spek­ti­ven für Logis­tik­dienst­leis­ter aus Euro­pa eröff­net das lan­ge ver­han­del­te Frei­han­dels­ab­kom­men, auf das sich die Euro­päi­sche Uni­on und die Mer­co­sur-Staa­ten Argen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Para­gu­ay, Uru­gu­ay Ende 2024 geei­nigt haben. EU-Unter­neh­men spa­ren dadurch laut EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en künf­tig Aus­fuhr­zöl­le in Höhe von 4 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr. Zwar gibt es in meh­re­ren EU-Län­dern sowie in Argen­ti­ni­en Wider­stän­de, aber nach Ansicht von Baque­ro könn­te der Ver­trag im ers­ten Halb­jahr 2026 in Kraft tre­ten.
Auch Chris­toph Bur­ger, Seni­or Lec­tu­rer und Fakul­täts­mit­glied an der Euro­pean School of Manage­ment and Tech­no­lo­gy ESMT Ber­lin, beob­ach­tet gespannt, wie „man schnell zu einem Kom­pro­miss kom­men kann, um dann auch inter­na­tio­nal hand­lungs­fä­hig zu sein“. Ende März besuch­te er wäh­rend einer Dele­ga­ti­ons­rei­se in São Pau­lo Wer­ke von füh­ren­den deut­schen Unter­neh­men der Auto­mo­bil- und Bau­bran­che, die in Bra­si­li­en für den latein­ame­ri­ka­ni­schen Markt pro­du­zie­ren. Am größ­ten deut­schen Wirt­schafts­stand­ort im Aus­land erleb­te er, dass „alle posi­tiv gegen­über dem Abschluss“ sind. Dadurch erhof­fe sich die EU einer­seits Zugang zu Roh­stof­fen und Lebens­mit­teln, ande­rer­seits Nach­fra­ge für Pro­duk­te aus Berei­chen wie Auto­mo­ti­ve, Maschi­nen­bau, Che­mie, Phar­ma und Dienst­leis­tun­gen.

Ganz Latein­ame­ri­ka betrach­ten

Unter­des­sen mahnt Mar­cus Schwen­ke, Abtei­lungs­lei­ter Außen­han­dels­po­li­tik beim Bun­des­ver­band Groß­han­del, Außen­han­del, Dienst­leis­tun­gen in Ber­lin: „Wir müs­sen jetzt ganz Latein­ame­ri­ka anschau­en, nicht nur die Mer­co­sur-Staa­ten.“ So gibt es bei­spiels­wei­se mit der Pazi­fik-Alli­anz eine Frei­han­dels­zo­ne zwi­schen Chi­le, Kolum­bi­en, Mexi­ko und Peru mit engen Wirt­schafts­ver­bin­dun­gen zu Asi­en.
Spe­zi­ell in Peru sieht Baque­ro durch das Ende 2024 eröff­ne­te Con­tai­ner­ter­mi­nal im Pazi­fik­ha­fen Chan­cay gute Mög­lich­kei­ten für Logis­ti­ker. Zubrin­ger­ver­keh­re zwi­schen dem neu­en Cosco-Hub und Häfen wie Val­pa­rai­so (Chi­le), Gua­ya­quil (Ecua­dor), Buen­a­ven­tura (Kolum­bi­en) sowie in Mexi­ko wür­den aus­ge­baut. „Neben dem Hafen ent­ste­hen wei­te­re Indus­trie­parks, eine Bahn­li­nie aus Lima ist geplant“, berich­tet er. Das Land hat ihm zufol­ge „die bes­ten makro­öko­no­mi­schen Zah­len ganz Latein­ame­ri­kas“, denn die Prei­se für Export­pro­duk­te wie Kaf­fee, Kakao, Kup­fer hät­ten sich ver­viel­facht.
Als Deutsch­lands wich­tigs­ter Han­dels­part­ner in Latein­ame­ri­ka bleibt Mexi­ko inter­es­sant. Momen­tan ist das Land Baque­ro zufol­ge wegen des gel­ten­den USMCA-Frei­han­dels­ab­kom­mens (United Sta­tes Mexi­co Cana­da Agree­ment) von US-Zoll­maß­nah­men nicht betrof­fen. Schry­ver Logi­stics trans­por­tiert für Auto­wer­ke in Mexi­ko unter ande­rem Pro­duk­ti­ons­ma­te­ria­li­en und ‑maschi­nen sowie Ersatz­tei­le. Zwar erwar­tet der Fir­men­chef einen schrump­fen­den Markt, aber das Unter­neh­men sei zum Glück „nicht Auto­mo­ti­ve-abhän­gig“.


Kers­tin Kloss ist freie Jour­na­lis­tin mit Sitz in Ham­burg.