Rück­spie­gel und Weit­blick

Wie ande­re Län­der dem Man­gel an Berufs­kraft­fah­rern begeg­nen — mög­li­che Blau­pau­sen für Deutsch­land

Von Clau­dia Wan­ner

Auf Insta­gram ist sie „The HGV Girl“, in einer BBC-Doku wur­de sie zur „Queen of Trucks“: Shan­non Pater­son arbei­tet als Ver­triebs- und Ope­ra­ti­ons-Spe­zia­lis­tin bei der bri­ti­schen Lkw-Fahr­schu­le HGVC. Vor allem aber kämpft die 30-Jäh­ri­ge aus den Mid­lands – Toch­ter eines Tru­ckers und mit einem Fern­fah­rer liiert – für ein bes­se­res Image der Bran­che.
„Es ist ein ganz wesent­li­cher Job; ohne [die Fah­rer] wären wir ver­lo­ren“, sagt sie. Denn Lkw-Fah­rer sind nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Groß­bri­tan­ni­en knapp. Zwar hat sich die Lage seit der Covid-Pan­de­mie ent­spannt, als auf der Insel laut dem Bran­chen­ver­band Road Hau­la­ge Asso­cia­ti­on (RHA) zwi­schen­zeit­lich 100.000 qua­li­fi­zier­te Lkw-Fah­rer fehl­ten und es zu Lie­fer­schwie­rig­kei­ten und lee­ren Rega­len in den Super­märk­ten kam. Eine bes­se­re Bezah­lung mach­te den Beruf bald wie­der attrak­ti­ver.
Doch die Situa­ti­on bleibt schwie­rig. Laut Daten des bri­ti­schen sta­tis­ti­schen Amtes ONS (Office for Natio­nal Sta­tis­tics) lag die Zahl der Kurie­re und Lkw-Fah­rer 2023 um 6.000 nied­ri­ger als im Vor­jahr. 55 Pro­zent der Fah­rer sind über 50 Jah­re alt – und ver­ab­schie­den sich auf abseh­ba­re Zeit in den Ruhe­stand, weni­ger als ein Pro­zent sind jün­ger als 25 Jah­re. „Es gibt berech­tig­te Sor­gen, dass sich die Situa­ti­on in naher Zukunft wie­der ver­schär­fen könn­te – auf­grund einer altern­den Beleg­schaft, unzu­rei­chen­der Nach­wuchs­kräf­te und des all­ge­mein schlech­ten Images des Berufs“, sagt Sam Fagan, Geschäfts­füh­rer beim Logis­tik­an­bie­ter Fagan & Whal­ley.

Wie­der­ein­stieg erleich­tern

Abhil­fe schaf­fen soll nun die bri­ti­sche Regie­rungs­in­itia­ti­ve „Return to Dri­ving“, durch die der Wie­der­ein­stieg in den Beruf erleich­tert wer­den soll. Bis­lang muss­ten Lkw-Fah­rer mit abge­lau­fe­nem Dri­ver Cer­ti­fi­ca­te of Pro­fes­sio­nal Com­pe­tence (CPC) 35Stunden Wei­ter­bil­dung absol­vie­ren. Für vie­le war das nicht nur umständ­lich, son­dern auch finan­zi­ell abschre­ckend. Seit Febru­ar kön­nen alle, deren Fahr­erlaub­nis nicht län­ger als zwei Jah­re abge­lau­fen ist, schnel­ler zurück in den Fah­rer­be­ruf. Bereits nach einem Auf­frisch-Modul von sie­ben Stun­den dür­fen sie wie­der fah­ren. Die ver­blei­ben­den 28 Stun­den des Lehr­gangs kön­nen sie über zwölf Mona­te stre­cken. Die Opti­on gilt sowohl für die natio­na­le als auch die inter­na­tio­na­le Fahr­erlaub­nis.
„Der Ansatz ist ide­al für Fah­re­rin­nen und Fah­rer, die eine beruf­li­che Aus­zeit genom­men oder die Frist im Jahr 2024 ver­passt haben, sowie für die, die vom Gedan­ken an fünf Tage im Klas­sen­zim­mer und einer erneu­ten Fahr­prü­fung abge­schreckt wur­den – und moti­viert sind, in die Bran­che zurück­zu­kom­men“, sag­te Bri­an Ken­ny, Direk­tor Trai­ning beim Bran­chen­ver­band RHA.
Das gerin­ge Inter­es­se am Fah­rer­be­ruf ist jedoch kein rein bri­ti­sches, son­dern ein euro­pa­wei­tes Pro­blem. Laut einer Stu­die der Inter­na­tio­nal Road Trans­port Uni­on (IRU) von 2024 kön­nen über die Hälf­te der Trans­port­un­ter­neh­men in der EU, Nor­we­gen und Groß­bri­tan­ni­en nicht wie geplant wach­sen – es feh­len mehr als 233.000 Lkw-Fah­rer. Bis 2028 dürf­te die­se Zahl auf 745.000 stei­gen. Bereits zum jet­zi­gen Zeit­punkt berich­ten vie­le Betrie­be von Pro­duk­ti­vi­täts­ein­bu­ßen und Umsatz­rück­gän­gen.

Jun­ge Frau­en anspre­chen

Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken, set­zen neben HGV-Girl Pater­son auch Initia­ti­ven ver­stärkt dar­auf, den Beruf sicht­ba­rer zu machen – und dabei ins­be­son­de­re jun­ge Frau­en anzu­spre­chen. Seit 2016 tourt etwa in Däne­mark ein umge­bau­ter Lkw als mobi­les Klas­sen­zim­mer durchs Land. Aus­ge­stat­tet mit einem rea­li­täts­na­hen Fahr­si­mu­la­tor kön­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler den Beruf haut­nah erle­ben. Sehr gefragt sei­en die­se Simu­la­tio­nen, berich­tet Mor­ten Lind­bo vom Bran­chen­ver­band DTL.
Dazu kommt der Aus­tausch mit jun­gen Fah­rern über ihren Weg in den Beruf. Online ste­hen wei­te­re Infor­ma­tio­nen bereit, auch zu ver­wand­ten Beru­fen. Rund 50.000 Schü­le­rin­nen und Schü­ler haben die Road­show „Job i Trans­port“, eine Initia­ti­ve der Gewerk­schaft 3F und der Arbeit­ge­ber­or­ga­ni­sa­tio­nen ATL und DTL‑A, inzwi­schen genutzt. Es gehe nicht nur um den Nach­wuchs, so Lind­bo. „Die Kam­pa­gne ist auch dar­auf aus­ge­rich­tet, Beschäf­tig­te in der Bran­che zu hal­ten sowie arbeits­lo­se Men­schen und bis­lang unter­re­prä­sen­tier­te Grup­pen wie Frau­en und neu Zuge­wan­der­te anzu­spre­chen.“
Dar­über hin­aus erpro­ben zahl­rei­che Trans­port­un­ter­neh­men neue Model­le, um Fah­rer zu gewin­nen und lang­fris­tig zu bin­den. Eine davon ist der „Relay“- oder Staf­fel­lauf: Statt eine lan­ge Fern­fahrt allein zu absol­vie­ren, tei­len sich meh­re­re Fah­rer den Auf­trag in kür­ze­re Abschnit­te. Das ermög­licht fami­li­en- und frei­zeit­taug­li­che­re Arbeits­zei­ten. Der Soft­ware­an­bie­ter Mobi­s­oft Info­tech unter­stützt bei der opti­ma­len Pla­nung der Über­ga­be­punk­te. An die­sen Treff­punk­ten tau­schen die Kol­le­gen die Lkw, und jeder fährt mit der Ladung zurück zum Aus­gangs­ort.

Bild: IStock

Mul­ti­mo­da­ler Trans­port ver­rin­gert Bedarf

Auch der nach­hal­ti­ge­re mul­ti­mo­da­le Trans­port min­dert die Kon­se­quen­zen des Fah­rer­man­gels. Denn gut in die Netz­wer­ke ein­ge­passt, redu­zie­ren die­se mul­ti­mo­da­len Trans­por­te nicht nur Emis­sio­nen, son­dern auch den Ein­satz von Lkws. Wer also wie die fran­zö­si­sche Regie­rung das Ziel aus­gibt, den Anteil an Bahn­trans­por­ten von der­zeit 9 Pro­zent bis 2030 auf den euro­päi­schen Durch­schnitt von 18 Pro­zent anzu­he­ben und die Bin­nen­schiff­fahrt deut­lich aus­zu­bau­en, schafft nicht nur öko­lo­gi­sche Vor­tei­le, son­dern redu­ziert auch den Bedarf an Fah­rern.
Im US-Trans­port­we­sen ist der zuneh­men­de Fah­rer­man­gel – wie in Euro­pa – eben­falls ein Trei­ber für tech­ni­sche Inno­va­ti­on. Bereits heu­te sto­ßen vie­le Fah­rer an ihre Kapa­zi­täts­gren­zen, und laut Regie­rungs­pro­gno­sen soll das Trans­port­vo­lu­men im Land bis 2050 um wei­te­re 50 Pro­zent stei­gen. In Texas setzt man daher auf auto­no­me Trucks. Zwi­schen Dal­las und Hous­ton plant das Unter­neh­men Auro­ra Inno­va­ti­on auf der Inter­sta­te 45, erst­mals fah­rer­lo­se Sat­tel­schlep­per auf die Stre­cke zu schi­cken. Bis­her war aus Sicher­heits­grün­den immer ein Fah­rer an Bord.
Neben Auro­ra ent­wi­ckelt zudem rund ein Dut­zend wei­te­rer Fir­men in Texas auto­no­me Lkw-Tech­no­lo­gien – begüns­tigt durch die auf­ge­schlos­se­ne Regu­lie­rung im Bun­des­staat. Laut US-Medi­en­be­rich­ten wol­len sie bis Ende 2026 voll­stän­dig auf Sicher­heits­fah­rer ver­zich­ten. Trotz anhal­ten­der Debat­ten über Sicher­heits­ri­si­ken erwar­ten McK­in­sey-Ana­lys­ten, dass bis 2035 rund 13 Pro­zent des US-Schwer­last­ver­kehrs auto­nom unter­wegs sein wer­den.


Clau­dia Wan­ner ist freie Jour­na­lis­tin mit Sitz in Lon­don (GBR)