Aus Kon­kur­ren­ten wer­den Koope­ra­ti­ons­part­ner

Um Effi­zi­enz und Kun­den­nut­zen zu stei­gern, gewin­nen anbie­ter­of­fe­ne Paket­sta­tio­nen immer mehr an Bedeu­tung

Von Nico­le de Jong

Wer in Deutsch­land ein Paket erwar­tet, hat inzwi­schen vie­le Mög­lich­kei­ten, es zu emp­fan­gen. Zwar lie­fern die meis­ten KEP-Diens­te ihre Pake­te noch bis zur Haus­tür, doch die Zustel­lung außer­halb des eige­nen Zuhau­ses (Out of Home/OoH) wird immer belieb­ter. Selbst abho­len kön­nen die Emp­fän­ger ihre Sen­dun­gen bei­spiels­wei­se an Abhol­sta­tio­nen, Shops und Tank­stel­len.
Lan­ge domi­nier­ten geschlos­se­ne Sys­te­me wie die Pack­sta­tio­nen der Deut­schen Post DHL und die Locker von Ama­zon den Markt. Die Paket­diens­te wehr­ten sich gegen anbie­ter­of­fe­ne Sys­te­me – aus Sor­ge, Kun­den­da­ten und die Kon- trol­le über Ser­vice­qua­li­tät zu ver­lie­ren. Inzwi­schen hat ein Umden­ken ein­ge­setzt: Anbie­ter wie GLS und DPD sind Koope­ra­tio­nen ein­ge­gan­gen, die bewusst offen sind für wei­te­re Part­ner. „Anbie­ter­of­fe­ne Paket­sta­tio­nen sind kein Nice-to-have mehr, son­dern ein Muss für eine zukunfts­fä­hi­ge Infra­struk­tur“, teilt DPD auf Anfra­ge mit. Der­zeit gibt es einen Hype rund um das Kon­zept.

Emp­fan­gen, ver­sen­den, retour­nie­ren

„Wir sehen vor allem, dass sich anbie­ter­of­fe­ne Paket­au­to­ma­ten bereits seit dem Ein­tritt von Myflex­box in den deut­schen Markt im Novem­ber 2022 immer stär­ker eta­blie­ren“, berich­tet Mar­ten Bos­sel­mann, Vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­ban­des Paket- und Express­lo­gis­tik (BPEX). Durch die Zusam­men­ar­beit mit GLS, DPD und UPS sei das Sys­tem kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­baut wor­den. „Der Schwung hat also schon vor ein paar Jah­ren begon­nen“, fügt er hin­zu.
Die Vor­tei­le lie­gen auf der Hand: End­kun­den kön­nen Pake­te ver­schie­de­ner Anbie­ter an einem Ort emp­fan­gen, ver­sen­den oder retour­nie­ren – rund um die Uhr. Sie müs­sen sich nicht auf einen KEP-Dienst fest­le­gen und nicht mehr wei­ter ent­fern­te Paket­shops oder gar ver­schie­de­ne Stand­or­te anfah­ren. Das spart Zeit, Wege – und letzt­lich Emis­sio­nen. Auch die KEP-Diens­te pro­fi­tie­ren: „Pro­prie­tä­re Sys­te­me arbei­ten oft unter­ka­pa­zi­tiv, wenn ein ein­zel­ner Dienst­leis­ter kei­ne aus­rei­chen­de Paket­men­ge für eine Sta­ti­on gene­riert“, erläu­tert Jona­than Grot­haus, CEO und Grün­der von Myflex­box.
Anbie­ter­of­fe­ne Sys­te­me bün­deln die Sen­dun­gen ver­schie­de­ner Dienst­leis­ter und erhö­hen die Aus­las­tung der Paket­sta­tio­nen. Dies führt zu einer effi­zi­en­te­ren Nut­zung der Infra­struk­tur und redu­ziert Leer­fahr­ten. Gleich­zei­tig ver­rin­gert sich der Ver­kehr in Innen­städ­ten und Wohn­ge­bie­ten, da weni­ger Zustell­fahr­zeu­ge unter­wegs sind. Posi­ti­ver Neben­ef­fekt für KEP-Diens­te: Der CO2-Aus­stoß sinkt und die Zustel­ler wer­den durch kür­ze­re Wege ent­las­tet.
Für Städ­te, Kom­mu­nen, Han­dels­un­ter­neh­men und Stadt­wer­ke sind anbie­ter­of­fe­ne Sys­te­me eine zukunfts­si­che­re Lösung für die Paket­zu­stel­lung. „Es ent­steht kein Risi­ko, dass eine ein­zel­ne Paket­sta­ti­on unat­trak­tiv wird, falls sich ein Paket­dienst­leis­ter zurück­zieht“, sagt Grot­haus. Gera­de in Innen­städ­ten, wo Flä­chen knapp sind, über­zeu­ge das Kon­zept auch städ­te­bau­lich: Statt meh­re­rer Anla­gen ist eine zen­tral gele­ge­ne Sta­ti­on aus­rei­chend, die sich durch eine geschick­te Wahl des Stand­or­tes in das Stadt­bild ein­fügt. „Anbie­ter­of­fe­ne Paket­au­to­ma­ten kön­nen zudem von einem grö­ße­ren Anbie­ter­kreis genutzt wer­den wie dem sta­tio­nä­ren Han­del oder durch nach­bar­schaft­li­che Sha­ring-Sys­te­me wie für Hand­wer­ker-Uten­si­li­en“, ergänzt Bos­sel­mann.

Effi­zi­enz­po­ten­zi­al für Klei­ne

Doch es gibt auch Beden­ken. „Für gro­ße Anbie­ter, die wie DHL bereits viel in die Tech­no­lo­gie und eige­ne Infra­struk­tur von Pack­sta­tio­nen inves­tiert haben, bie­ten die Sys­te­me so gut wie kei­ne Vor­tei­le, wäh­rend es ande­ren klei­ne­ren Dienst­leis­tern Effi­zi­enz­po­ten­zia­le bie­tet“, so Logis­tik­wi­sen­schaft­ler Uwe Clau­sen, Pro­fes­sor an und Lei­ter des Insti­tuts für Trans­port­lo­gis­tik an der TU Dort­mund und des Fraun­ho­fer IML. White-Label-Pack­sta­tio­nen sei­en bis­her Nischen­an­ge­bo­te und weder die Kun­den­nach­fra­ge noch das Anbie­ter­ver­hal­ten spre­chen der­zeit für einen erheb­lich höhe­ren Markt­an­teil. Sei­ne Aus­sa­ge belegt die aktu­el­le Nach­hal­tig­keits­stu­die des BPEX: Dem­nach wer­den schät­zungs­wei­se der­zeit etwa vier Pro­zent der Sen­dun­gen über sol­che anbie­ter­of­fe­nen Lösun­gen an End­kun­den zuge­stellt.
„Ange­sichts des mit­tel- und lang­fris­tig zu erwar­ten­den Wachs­tums im Paket­markt und der abseh­ba­ren Per­so­nal­knapp­heit bei der Zustel­lung spricht jedoch eini­ges dafür, dass alter­na­ti­ve Zustell- und Abhol­for­ma­te in Zukunft einen höhe­ren Anteil ein­neh­men wer­den“, ergänzt Clau­sen. Ange­bo­te wie Myflex­box, Dein Fach der DHL-Toch­ter Onestop­box oder der neue mobi­le Paket­au­to­mat Smar­cel könn­ten künf­tig für Markt­dy­na­mik sor­gen. Dein Fach etwa will bis Ende 2025 eine vier­stel­li­ge Zahl von Auto­ma­ten in Betrieb neh­men. Das Netz von Myflex­box soll bis dahin in Deutsch­land auf mehr als 1.000 Stand­or­te anwach­sen.
„Mit dem Part­ner­netz­werk von DPD und GLS haben wir einen neu­en Stan­dard gesetzt“, heißt es sei­tens DPD. Der Auf­bau des gemein­sa­men Netz­werks von Paket­shops und Paket­sta­tio­nen basie­re auf einer engen Zusam­men­ar­beit mit dem Ein­zel­han­del, Städ­ten und Kom­mu­nen sowie wei­te­ren Dritt­an­bie­tern. „Wir erfah­ren ein star­kes Inter­es­se von Han­dels­part­nern und KEP-Dienst­leis­tern, sich unse­rem Ansatz anzu­schlie­ßen, was unser gemein­sa­mes Ziel, bis 2027 ein Part­ner­netz von rund 20.000 Out-of-Home-Punk­ten auf­zu­bau­en, unter­mau­ert und fes­tigt.“
Bedarf an fle­xi­blen Lösun­gen wächst Ent­schei­dend sei, dass Anbie­ter­of­fen­heit im Sin­ne der Kun­den und der gesam­ten Bran­che gelebt wer­de. „Wir freu­en uns über jede Bewe­gung im Markt, die das The­ma offe­ne Paket­sta­tio­nen stär­ker ins öffent­li­che Bewusst­sein rückt“, betont auch Myflex­box-CEO Grot­haus. Es ver­deut­li­che den wach­sen­den Bedarf an fle­xi­blen, anbie­ter­über­grei­fen­den Lösun­gen. „Einen offe­nen Stan­dard zu eta­blie­ren ist sinn­voll, nur so kön­nen alle an jedem Stand­ort teil­ha­ben“, ist er über­zeugt und ver­gleicht die Sta­tio­nen mit Geld­au­to­ma­ten, an denen man auch nicht nur von einer Bank Geld bekommt.
Tat­säch­lich sprin­gen immer mehr Unter­neh­men auf den Zug der offe­nen Paket­sta­tio­nen auf. „Mit Blick auf eine denk­ba­re Inte- gra­ti­on anbie­ter­of­fe­ner Paket­sta­tio­nen ande­rer Dienst­leis­ter in unser Netz­werk füh­ren wir kon­ti­nu­ier­lich kon­struk­ti­ve Gesprä­che und prü­fen mög­li­che Koope­ra­tio­nen“, sagt Her­mes-CEO Den­nis Koll­mann. Aller­dings sei die Zusam­men­ar­beit bei anbie­ter­of­fe­nen Paket­sta­tio­nen kom­plex und erfor­de­re unter ande­rem die Klä­rung, wie mit vol­len Sta­tio­nen umzu­ge­hen ist und wie eine rei­bungs­lo­se Inte­gra­ti­on in die Sen­dungs­ver­fol­gung gewähr­leis­tet wer­den kann. Ob sich anbie­ter­of­fe­ne Lösun­gen in Zukunft durch­set­zen wer­den, bleibt abzu­war­ten.


Nico­le de Jong ist freie Fach­jour­na­lis­tin mit Sitz in Mölln.