Gefühl­te Büro­kra­tie

Nach­hal­tig­keit braucht mehr als Regeln – war­um Euro­pa fle­xi­bler wer­den muss, um zukunfts­fä­hig zu blei­ben

von Wer­ner Bal­sen

Büro­kra­tie und Euro­päi­sche Uni­on – das ist für vie­le das Glei­che. Dann fal­len schnell Schlag­wor­te wie „Regu­lie­rungs­wut“ und „Euro­pas Mons­ter-Büro­kra­tie“. Mitra Qur­ban kann die­sem pau­scha­len EU-Büro­kra­tie-Bas­hing jedoch nichts abge­win­nen. Als Che­fin der DHL-Ver­tre­tung in der euro­päi­schen Haupt­stadt reprä­sen­tiert sie die Inter­es­sen des welt­größ­ten Logis­tik­kon­zerns bei den Insti­tu­tio­nen der Euro­päi­schen Uni­on (EU). Gleich­zei­tig übt sie aber durch­aus Kri­tik an der Uni­on. Sie bemän­gelt etwa deren feh­len­de Fle­xi­bi­li­tät und das star­re Fest­hal­ten an lang­fris­tig opti­ma­len, aber kurz­fris­tig uner­reich­ba­ren Lösun­gen. Die­se gefähr­de­ten die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der euro­päi­schen Indus­trie und deren Wan­del zu einer nach­hal­ti­gen Wirt­schaft.
DHL hat zu nach­hal­ti­ger Logis­tik eini­ges zu sagen – auf Stra­ße, Schie­ne, See und in der Luft. Doch genau hier, sagt Qur­ban, wür­den „gut gemein­te EU-Regu­lie­rungs­schrit­te gele­gent­lich durch feh­len­de Fle­xi­bi­li­tät oder das Igno­rie­ren von tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten um ihre Wir­kung gebracht“. Ein Bei­spiel sei der „Ran­ge Extender“-Lkw (Erev), den DHL und der Nutz­fahr­zeug­her­stel­ler Sca­nia gemein­sam ent­wi­ckelt haben: Bei dem E‑Lkw ist einer von meh­re­ren Akkus durch einen kraft­stoff­ge­trie­be­nen Gene­ra­tor ersetzt, der bei Bedarf die Akkus wie­der auf­la­den kann und so als „Reich­wei­ten-Ver­län­ge­rer“ dient. „Im Ver­gleich zu einem Lkw mit kon­ven­tio­nel­lem Die­sel-Antrieb stößt das Fahr­zeug gut vier Fünf­tel weni­ger Koh­len­di­oxid aus“, sagt Qur­ban.
„Natür­lich sehen wir bei DHL in voll­elek­tri­schen Fahr­zeu­gen die ulti­ma­ti­ve Lösung für ein nach­hal­ti­ges Ver­kehrs­sys­tem“, stellt sie klar. Und es müs­se bei der Umstel­lung auf Elek­tro­fahr­zeu­ge auch schnel­ler gehen. Aber da gebe es der­zeit vor allem im Güter­ver­kehr noch Hin­der­nis­se. Sie zählt auf: „Wir haben in Euro­pa noch kei­ne flä­chen­de­cken­de Lade-Infra­struk­tur, vor allem nicht für Lkw. Das Strom­netz ist nicht robust genug, und die Ver­sor­gung mit Strom aus erneu­er­ba­ren Ener­gien ist unzu­rei­chend und nicht zuver­läs­sig.“

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Inno­va­ti­ve Lösun­gen aner­ken­nen und hono­rie­ren

Nach Auf­fas­sung von Sca­nia und DHL las­sen sich die Hin­der­nis­se mit dem fos­sil ange­trie­be­nen Ran­ge Exten­der auf dem Weg zum voll­elek­tri­schen Betrieb jedoch über­win­den. Wäh­rend DHL das Fahr­zeug der­zeit zwi­schen Ber­lin und Ham­burg tes­tet, setzt sich Qur­ban in Brüs­sel dafür ein, dass die EU die Vor­tei­le der neu­en Tech­nik aner­kennt – und finan­zi­ell durch Erleich­te­run­gen bei der Stra­ßen­maut hono­riert.
Aller­dings passt der Erev nicht in die der­zei­ti­ge EU-Maut-Klas­si­fi­zie­rung: Er ist weder ein Hybrid‑, noch ein rei­nes Elek­tro-Fahr­zeug, für ihn gibt es kei­ne eige­ne Maut­klas­se. Die EU-Taxo­no­mie, die als Regel­werk dient, um nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten zu defi­nie­ren und so für Inves­to­ren am Kapi­tal­markt attrak­tiv zu machen, sieht den Erev daher bis­lang nicht als nach­hal­ti­ge Lösung an. „Wir haben also eine inno­va­ti­ve Lösung, aber sie wird nicht aner­kannt und nicht hono­riert“, bedau­ert die DHL-Reprä­sen­tan­tin. Damit ist die Inves­ti­ti­on für den Kon­zern unwirt­schaft­lich. „Als Unter­neh­men muss DHL dar­auf ach­ten, Wirt­schaft­lich­keit und Nach­hal­tig­keit in Ein­klang zu brin­gen“, betont Qur­ban und kri­ti­siert: „Da ist die EU nicht fle­xi­bel. Sie ver­steift sich zu sehr auf das End­ziel, den voll­elek­tri­schen Lkw, auch wenn er rea­lis­ti­scher­wei­se zur­zeit nicht ein­setz­bar ist.“ Die EU müs­se die Ent­wick­lung von Zwi­schen­lö­sun­gen stär­ker aner­ken­nen. „Das kurz­fris­tig nicht erreich­ba­re Per­fek­te ist zu oft der Feind des schon jetzt mach­ba­ren Guten.“
Nach­dem sich die EU-Gesetz­ge­ber nach har­tem, oft mona­te­lan­gem Rin­gen auf ein Regel­werk geei­nigt haben, sind rasche Anpas­sun­gen kaum noch mög­lich. Anders als ursprüng­lich von der EU-Kom­mis­si­on vor­ge­schla­gen, wer­den von allen Insti­tu­tio­nen ver­ab­schie­de­te Geset­ze nicht mehr auf ihre Fol­gen hin über­prüft. Dabei gel­ten „Ver­ein­fa­chung und Wett­be­werbs­fä­hig­keit“ eigent­lich als Haupt­zie­le der EU.
Qur­ban nennt noch ein wei­te­res Bei­spiel. Der deut­sche Logis­tik­rie­se kämpft der­zeit gemein­sam mit Flug­hä­fen, Luft­fahrt­ge­sell­schaf­ten und Spe­di­teu­ren für mehr Fle­xi­bi­li­tät bei der Ein­füh­rung von nach­hal­ti­gem Kraft­stoff für Flug­zeu­ge – kurz SAF. Die EU schreibt zwar bereits eine SAF-Bei­mi­schung von 2Prozent vor, die bis 2050 auf 70 Pro­zent stei­gen soll, und ab 2035 muss SAF an fast allen gro­ßen EU-Flug­hä­fen ver­füg­bar sein.
Das Pro­blem: Es gibt bis­lang in Euro­pa und welt­weit nur weni­ge Pro­duk­ti­ons­stät­ten, die den nach­hal­ti­gen Flug­zeug­kraft­stoff her­stel­len. Alle in Fra­ge kom­men­den EU-Air­ports zu belie­fern, erfor­dert eine immense Infra­struk­tur und weit­rei­chen­de Trans­port­ket­ten, die noch auf­ge­baut wer­den müs­sen.

Book & Cla­im nut­zen, um SAF zu pushen

Um Flü­ge rasch kli­ma­freund­li­cher zu machen, schlägt die Luft­fahrt­bran­che des­halb das Book & Cla­im-Ver­fah­ren vor: Ein Her­stel­ler von SAF erhält für sei­ne Pro­duk­ti­on ein grü­nes Zer­ti­fi­kat, das er an die Luft­fahrt­ge­sell­schaft wei­ter­gibt, die sei­nen sau­be­ren Kraft­stoff kauft. Mög­li­cher­wei­se flie­gen die Flug­zeu­ge des SAF-Käu­fers wei­ter mit her­kömm­li­chem Kero­sin, weil am Start-Flug­ha­fen kein sau­be­rer Kraft­stoff ver­füg­bar ist. Aber irgend­wo inner­halb der EU kommt die gekauf­te Men­ge an SAF zum Ein­satz und ersetzt fos­si­len Kraft­stoff. Dafür hat der Käu­fer gesorgt, der des­halb sein erwor­be­nes Zer­ti­fi­kat ein­set­zen kann, um sei­nen eige­nen öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck zu ver­klei­nern. Und er kommt so Kun­den ent­ge­gen, die Wert dar­auf legen, mit Fir­men zusam­men­zu­ar­bei­ten, die Pake­te wie Fracht­stü­cke nach­hal­tig trans­por­tie­ren; und auch Anle­gern, die ihr Kapi­tal in Koh­len­di­oxid-redu­zier­ten Ver­kehr inves­tie­ren wol­len.
„Von Book & Cla­im pro­fi­tie­ren alle“, unter­streicht Qur­ban. Die Chef-Lob­by­is­tin bedau­ert, dass die EU-Kom­mis­si­on dar­auf beharrt, SAF mit­tel­fris­tig an allen Flug­hä­fen bereit­zu­stel­len, ohne bis dahin Fle­xi­bi­li­tät zuzu­las­sen. Dabei lie­ße sich mit Book & Cla­im die Nach­fra­ge nach SAF sofort ankur­beln. Für die DHL- Inter­es­sen­ver­tre­te­rin ist das ein wei­te­rer Beleg dafür, dass die EU unfle­xi­bel an ein­mal beschlos­se­nen, aber unrea­lis­ti­schen Regeln fest­hält, anstatt prag­ma­ti­sche Lösun­gen zuzu­las­sen.


Wer­ner Bal­sen ist frei­er Jour­na­list und Autor mit Sitz in Gref­rath