Logis­tik tankt Son­ne

Solar­an­la­gen boo­men. War­um Logis­ti­ker jetzt mas­siv in Solar­an­la­gen inves­tie­ren – und war­um das ein wich­ti­ger Bau­stein für Wett­be­werbs­fä­hig­keit und Kli­ma­schutz sein kann.

Ann-Chris­tin Wim­ber

Solar­ener­gie gewinnt immer mehr an Bedeu­tung – als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie für die glo­ba­le Strom­ver­sor­gung und den Kli­ma­schutz. Beson­ders im Ener­gie­sek­tor spielt sie eine zen­tra­le Rol­le auf dem Weg zur Dekar­bo­ni­sie­rung. Welt­weit nimmt ihr Anteil ste­tig zu: 2015 lag der glo­ba­le Solar­an­teil noch bei 1 Pro­zent, 2024 waren es bereits etwa 7 Pro­zent.
Auch in Deutsch­land boo­men klei­ne und gro­ße Son­nen­kraft­wer­ke. Inner­halb von zehn Jah­ren wuchs der Anteil von Solar­ener­gie am Ener­gie­mix um 10 Pro­zent – allein 3 Pro­zent kamen inner­halb des letz­ten Jah­res dazu. Grün­de für den rasan­ten Aus­bau gibt es vie­le: sin­ken­de Kos­ten von Photovoltaik(PV)-Modulen, effi­zi­en­te­re Zel­len und Ener­gie­spei­cher, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen, die die Ein­satz­mög­lich­kei­ten erhö­hen sowie steu­er­li­che Anrei­ze und För­der­pro­gram­me.
Auch die Logis­tik­bran­che nutzt Solar- ener­gie im Klei­nen und im Gro­ßen: selbst­kle­ben­de, ultra­dün­ne Solar­mo­du­le für die Dächer von Fah­rer­häu­sern, Anhän­gern und Auf­bau­ten; PV-Anla­gen auf Bahn­schwel­len und Lärm­schutz­wäl­len sind nur eini­ge Bei­spie­le. Zum Ein­satz kommt die kli­ma­freund­li­che Ener­gie­quel­le auch auf Solar­schif­fen, für Solar­se­gel und die unab­hän­gi­ge Ener­gie­ver­sor­gung für Kühl­con­tai­ner durch Solar­mo­du­le sowie in gro­ßem Maße PV-Anla­gen auf Logis­tik­im­mo­bi­li­en.

Solar­ener­gie für E‑Lkw und Wär­me­pum­pen

Ein Unter­neh­men, das stark auf die Kraft der Son­ne setzt, ist Fie­ge. Der Logis­tik­dienst­leis­ter mit 139 Stand­or­ten, rund 4,5 Mil­lio­nen Qua­drat­me­tern Logis­tik­flä­che und über 22.000 Mit­ar­bei­ten­den gilt als einer der Inno­va­ti­ons­füh­rer der Bran­che. „Die PV-Anla­gen, die sich auf vie­len unse­rer Logis­tik­dä­cher befin­den, pro­du­zie­ren mitt­ler­wei­le gut 30 Giga­watt­stun­den (GWh) Solar­strom“, erklärt Hart­mut Entrup, Direc­tor Ener­gy Solu­ti­ons bei Fie­ge. Zur Ein­ord­nung: Das ent­spricht in etwa dem jähr­li­chen Strom­ver­brauch von 9.400 Pri­vat­haus­hal­ten. „Wir nut­zen davon nur knapp ein Drit­tel für unse­ren eige­nen Bedarf – um die 9 GWh. Den Rest spei­sen wir ins Strom­netz ein“, sagt Entrup. Tat­säch­lich steigt an den Stand­or­ten der Strom­be­darf – vor allem durch die zuneh­men­de Zahl an E‑Lkw und den Ein­satz von Wär­me­pum­pen.
Fie­ge plant im gro­ßen Stil: Das über 150 Jah­re alte Fami­li­en­un­ter­neh­men aus dem west­fä­li­schen Gre­ven will lang­fris­tig jeden sei­ner Stand­or­te zu einem Ener­gie­öko­sys­tem trans­for­mie­ren. „Mit den immer bes­ser wer­den­den Ener­gie­spei­chern kön­nen wir unse­ren Strom­be­darf dann auch decken, wenn die Son­ne nicht scheint“, sagt Entrup. „Außer­dem wol­len wir unse­re Stand­or­te mit­ein­an­der ver­knüp­fen, so dass wir Erzeu­gung und Ver­brauch zen­tral steu­ern kön­nen.“ Trans­port­dienst­leis­ter sol­len dann bei dem Logis­ti­ker einen Anlauf­punkt mit Schnell-Char­gern erhal­ten; den über­schüs­si­gen Strom könn­te das Unter­neh­men in der direk­ten Nach­bar­schaft anbie­ten.

Sola­res Kero­sin made in Ger­ma­ny

Noch bleibt die sola­re Strom­erzeu­gung jedoch recht vola­til, da sie von der Son­nen­strah­lung abhän­gig ist und Spei­cher­mög­lich­kei­ten feh­len. Zudem man­gelt es am bedarfs­ori­en­tier­ten Netz­aus­bau und an intel­li­gen­ten Steue­rungs­sys­te­men. Spei­cher sind teu­er. Ist also das Her­stel­len von syn­the­ti­schem Treib­stoff aus Solar­ener­gie eine Lösung? Syn­he­l­ion glaubt dar­an. Das 2016 als Spin-Off der Eid­ge­nös­si­schen Tech­ni­schen Hoch­schu­le Zürich (ETH Zürich) gegrün­de­te Cle­an­tech-Unter­neh­men pro­du­ziert seit 2023 Solar­treib­stof­fe in Jülich (Nord­rhein-West­fa­len).
„Wir pro­du­zie­ren sola­res Kero­sin, Die­sel und Ben­zin, die fos­si­le Brenn­stof­fe direkt erset­zen kön­nen“, erläu­tert Car­men Murer, Head of Cor­po­ra­te Com­mu­ni­ca­ti­on. „Die Solar­treib­stof­fe schlie­ßen den CO2-Kreis­lauf, da sie bei der Ver­bren­nung nur so viel CO2 aus­sto­ßen, wie für ihre Her­stel­lung ver­wen­det wur­de.“ Dank eines ther­mi­schen Ener­gie­spei­chers kann im Unter­neh­men rund um die Uhr Treib­stoff pro­du­ziert wer­den. Dies sei zen­tral für eine kos­ten­ef­fi­zi­en­te Pro­duk­ti­on. „Was schluss­end­lich ent­schei­dend sein wird, ist der Preis des Treib­stoffs“, meint Murer. „Hier stre­ben wir lang­fris­tig Pro­duk­ti­ons­kos­ten von etwa 1 Euro pro Liter an.“ Auf­grund der bis­her man­geln­den Infra­struk­tur, mit der sich der über­schüs­sig pro­du­zier­te Solar­strom spei­chern lässt, könn­te Solar­treib­stoff also zumin­dest eine Alter­na­ti­ve zur Nicht­nut­zung sein.

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Wird Solar­ener­gie mit ihren viel­fäl­ti­gen Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten also zum Game­ch­an­ger für die Logis­tik­bran­che? „Ja und Nein“, meint Andrea Loch­mahr, Pro­fes­so­rin an der Hoch­schu­le für Tech­nik in Stutt­gart mit For­schungs­schwer­punkt in der umwelt­ori­en­tier­ten Logis­tik. „Es wird die Bran­che nicht trans­for­mie­ren, übt aber einen star­ken Ein­fluss aus.“ Poten­zi­al sieht sie vor allem beim Aus­bau der PV-Anla­gen auf Logis­tik­hal­len. Für Loch­mahr stel­len Solar­kraft­wer­ke jedoch nicht die Lösung für den Ener­gie­be­darf der Bran­che dar: „Betrach­tet man das CO2-Äqui­va­lent – die Maß­ein­heit, die angibt, wie stark ein Treib­haus­gas zum Kli­ma­wan­del bei­trägt – so steht die Wind­kraft ein­deu­tig bes­ser dar. Die Emis­sio­nen von PV-Anla­gen lie­gen zwi­schen 43 und 63Gramm CO2-Äqui­va­lent pro Kilo­watt­stun­de, abhän­gig von der Tech­no­lo­gie und den Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen. Die Wind­kraft erzeugt mit 10 Gramm pro CO2-Äqui­va­lent deut­lich weni­ger.“
Fie­ges Ener­gy-Fach­mann Entrup dage­gen ist über­zeugt: „Solar­ener­gie birgt gro­ßes Poten­zi­al für die Logis­tik­bran­che. Nicht nur im Sin­ne der Ener­gie­wen­de, son­dern auch in Bezug auf Logis­tik­dienst­leis­tun­gen. Je mehr wir unse­ren CO2-Fuß­ab­druck sen­ken, des­to bes­ser. Das ist inzwi­schen zu einem wich­ti­gen Ver­kaufs­ar­gu­ment für vie­le Kun­den gewor­den.“ Auch Solar­treib­stof­fe könn­ten bei Lang­stre­cken­trans­por­ten wie­der ins Spiel kom­men.
„Erneu­er­ba­re syn­the­ti­sche Treib­stof­fe sind mit der bestehen­den Treib­stoff-In- frastruk­tur sowie her­kömm­li­chen Ver­bren­nungs­mo­to­ren und Flug­zeug­trieb­wer­ken kom­pa­ti­bel, so dass kei­ne Anpas­sun­gen an Tech­nik oder Infra­struk­tur erfor­der­lich sind“, betont Murer von Syn­he­l­ion. „Wir sind der Ansicht, dass zur Bekämp­fung des Kli­ma­wan­dels und der damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me vie­le ver­schie­de­ne neue Tech­no­lo­gien und Inno­va­tio­nen zusam­men­kom­men müs­sen.“


Ann-Chris­tin Wim­ber ist freie Jour­na­lis­tin mit Sitz in Bars­bek